Wirkstoff-Profile
Mineralstoff

organisch gebundene Spurenelemente

Chelate · Aminosaeure-Chelate · organic trace minerals · Bioplex/Proteinate · Glycinate · OTM

Wirkmechanismus

Organisch gebundene Spurenelemente (organic trace minerals, OTM) sind kein einheitlicher Stoff, sondern eine Zulassungs- und Produktkategorie. Die EU unterscheidet praezise definierte Untergruppen: Chelate von Aminosaeuren (Hydrat), Chelate von Proteinhydrolysaten, Chelate von Glycin (fest und fluessig) sowie organische Saeuresalze wie Propionate; hinzu kommt bei Selen die Selenhefe. Zulassungsgrundlage sind unter anderem die Verordnungen (EU) 2016/1095 fuer Zink und (EU) 2018/1039 fuer Kupfer, jeweils fuer alle Tierarten in der Kategorie Ernaehrungszusatzstoffe, Funktionsgruppe Verbindungen von Spurenelementen. Das Wirkprinzip: Anorganische Salze dissoziieren im Magen vollstaendig; die freien Ionen konkurrieren im Duenndarmlumen mit Phytat, Calcium, Eisen, Molybdaen und Schwefel um Bindung und Transport. Ein stabiler Chelatkomplex haelt das Metall dagegen bis zur Absorptionsstelle gebunden und kann teilweise ueber Peptid- oder Aminosaeuretransporter statt ueber DMT1 aufgenommen werden. Das ist die theoretische Begruendung fuer den Bioverfuegbarkeitsvorteil - und hier ist eine ehrliche Einordnung wichtig, weil dieser Vorteil im Marketing regelmaessig ueberzeichnet wird. Erstens hat die EFSA in ihren FEEDAP-Gutachten die Chelate durchweg als wirksame Quellen bewertet, ohne eine Ueberlegenheit gegenueber zugelassenen anorganischen Quellen festzustellen; fuer Zinkchelat von Aminosaeuren, Hydrat, wurde explizit festgehalten, dass es sich in den Zieltierarten nicht anders verhaelt als Zink aus anorganischen Quellen (EFSA Journal 2012, doi:10.2903/j.efsa.2012.2621). Zweitens ist die equine Datenlage duenn. Die zentrale Vergleichsstudie am Pferd - Ott & Johnson 2001 (doi:10.1016/S0737-0806(01)70059-7) mit 15 Jaehrlingen ueber 112 Tage - fand proteiniertes Zn, Cu und Mn den anorganischen Formen bei Wachstum, Knochenmineralgehalt und Knochenmineralanlagerung gleichwertig; ein signifikanter Vorteil zeigte sich nur beim Hufwachstum (4,98 gegenueber 4,78 cm). Eine weitere JEVS-Arbeit untersuchte die Cu/Zn-Superoxiddismutase-Aktivitaet arbeitender Pferde unter zwei Spurenelementformen, eine Studie in Translational Animal Science 2020 (4(2):1148-1157) prueft Spurenelementsupplementierung bei jungen Pferden nach intraartikulaerem LPS-Reiz. Ein konsistentes, klinisch relevantes Ueberlegenheitsmuster laesst sich daraus nicht ableiten. Praktisches Fazit: Der Bioverfuegbarkeitsvorteil ist real, aber moderat und am ehesten dort relevant, wo Antagonisten stark sind - eisenreiches Wasser, phytatreiche Rationen, molybdaen- oder schwefelreiche Standorte, hoher Bedarf bei Wachstum, Traechtigkeit oder Leistung. Bei ausgeglichener Ration ohne Antagonistendruck rechtfertigt er den Preisunterschied oft nicht. Die verbreitete Praxis, 25-50 % der Spurenelementzufuhr organisch gebunden zu gestalten, ist ein pragmatischer Kompromiss ohne equinen Wirksamkeitsnachweis.

Vorsicht

  • · Der Bioverfuegbarkeitsvorteil ist real, aber moderat und wird haeufig ueberverkauft: EFSA-Gutachten stufen Chelate als wirksam, nicht als ueberlegen ein; die einzige equine Vergleichsstudie zeigte nur beim Hufwachstum einen signifikanten Unterschied.
  • · Organisch gebunden heisst nicht dosierungsfrei - EU-Hoechstgehalte gelten fuer das Gesamtelement unabhaengig von der Bindungsform: Zink 150 mg/kg, Kupfer bei anderen Tierarten 25 mg/kg, Selen 0,5 mg/kg Alleinfutter (88 % TM).
  • · Selen ist das kritischste Element der Gruppe: Der Abstand zwischen Bedarf und Toxizitaet ist gering. Selenhaltige Ergaenzer nie parallel aus mehreren Quellen geben, ohne die Summe zu rechnen.
  • · Produktdeklarationen strikt auf Elementbasis lesen - Chelate haben je nach Ligand sehr unterschiedliche Metalldichte, Produktmengen sind nicht vergleichbar.
  • · Mehrfachsupplementierung ist das Hauptrisiko: Mineralfutter plus Muesli plus Spezialergaenzer summieren sich schnell ueber die Hoechstgehalte.
  • · Sinnvoll vor allem bei starkem Antagonistendruck (eisenreiches Brunnenwasser, hohe Molybdaen-/Schwefelgehalte, phytatreiche Rationen) oder erhoehtem Bedarf - bei ausgeglichener Ration ist der Mehrpreis oft nicht begruendbar.
  • · Der Spurenelementstatus gehoert vor gezielter Supplementierung ueber Rationsberechnung und ggf. tieraerztliche Diagnostik abgeklaert; Blutwerte einzelner Spurenelemente sind nur begrenzt aussagekraeftig.

Quellen

doi:10.1016/S0737-0806(01)70059-7Ott EA, Johnson EL 2001 - Effect of trace mineral proteinates on growth and skeletal and hoof development in yearling horses, Journal of Equine Veterinary Science 21(6):287-291
doi:10.2903/j.efsa.2012.2621EFSA FEEDAP Panel 2012 - Scientific Opinion on safety and efficacy of zinc compounds (E6) as feed additives for all animal species: Zinc chelate of amino acids hydrate, EFSA Journal 10(2):2621
CELEX:32016R1095Durchfuehrungsverordnung (EU) 2016/1095 der Kommission vom 6. Juli 2016 - Zulassung von Zinkverbindungen (inkl. Chelate von Aminosaeuren, Proteinhydrolysaten und Glycin) als Futtermittelzusatzstoffe
CELEX:32018R1039Durchfuehrungsverordnung (EU) 2018/1039 der Kommission vom 23. Juli 2018 - Zulassung von Kupferverbindungen (inkl. Kupfer(II)-Chelate) als Futtermittelzusatzstoffe fuer alle Tierarten
Transl Anim Sci 2020;4(2):1148-1157Evaluation of dietary trace mineral supplementation in young horses challenged with intra-articular lipopolysaccharide, Translational Animal Science 2020
doi:10.17226/11653National Research Council 2007 - Nutrient Requirements of Horses, 6th rev. ed. (Spurenelementbedarf, Antagonismen, Toleranzgrenzen)

Hinweis zur Verwendung

Diese Inhalte dienen der Information und Bildung. Sie ersetzen keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei Krankheitsanzeichen konsultiere eine Tierärztin oder einen Tierarzt.

Was unter Zwang geschieht, ist nicht edel.
Xenophon · Peri Hippikes (um 365 v. Chr.)

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