Wirkstoff-Profile
Phytotherapie

Gerbstoffe

Tannine · Tannins · Gerbstoffe (kondensiert/hydrolysierbar) · Proanthocyanidine

Wirkmechanismus

Gerbstoffe werden in zwei chemisch grundverschiedene Untergruppen geteilt: (1) HYDROLYSIERBARE Tannine (Gallotannine, Ellagitannine) mit einem Zuckerkern und Gallussaeure-/Hexahydroxydiphensaeure-Estern - sie werden im Verdauungstrakt gespalten und ihre Spaltprodukte (Gallussaeure, Pyrogallol) sind resorbierbar und potenziell systemisch toxisch; (2) KONDENSIERTE Tannine (Proanthocyanidine) aus Flavan-3-ol-Einheiten - kaum resorbierbar, wirken primaer im Darmlumen. Der Basismechanismus ist physikochemisch: Tannine bilden Komplexe mit Proteinen (bevorzugt prolinreichen), Polysacchariden und Metallionen. Auf Schleimhaeuten entsteht durch Faellung oberflaechlicher Proteine eine duenne, verdichtete Koagulationsschicht - die adstringierende Wirkung. Ernaehrungsphysiologisch ist die Dosis-Wirkungs-Kurve gegenlaeufig und gut aufgearbeitet (Mueller-Harvey 2006, DOI 10.1002/jsfa.2577): niedrige Tanningehalte koennen Proteinnutzung und Parasitenlast in Wiederkaeuern guenstig beeinflussen, hoehere Gehalte wirken klar ANTINUTRITIV - Senkung von Futteraufnahme, Schmackhaftigkeit, Protein- und Aminosaeurenverdaulichkeit sowie Hemmung von Verdauungsenzymen. Tannine chelatieren zudem Nicht-Haem-Eisen und koennen die Mineralstoffverfuegbarkeit senken; allerdings ist die In-vivo-Relevanz differenziert zu sehen, da salivare prolinreiche Proteine (PRP) Tannine binden und die Eisenchelation teilweise abpuffern koennen (Delimont et al. 2017, PMCID PMC5525358, DOI 10.3945/cdn.116.000042). WARNBEISPIEL PFERD: Die klinisch bedeutsamste equine Gerbstoff-Exposition ist die Eichel-/Eichenlaub-Aufnahme (Quercus spp., gallotanninreich). In einer Fallserie von neun Pferden mit vermuteter Eichelvergiftung wurden gastrointestinale und renale Schaeden beschrieben, mit erheblicher Mortalitaet (Smith et al. 2015, PMID 24917312, Equine Veterinary Journal 47(5):568-572). Pferde besitzen - anders als Wiederkaeuer mit ruminaler Tannase-Aktivitaet - keine vergleichbare Entgiftungsstrategie fuer hohe Gallotanninlasten. EHRLICH ZUR DATENLAGE: Fuer den GEZIELTEN, therapeutischen Einsatz gerbstoffreicher Drogen beim Pferd (z. B. Eichenrinde, Ratanhia, Tormentill, schwarzer Tee, Heidelbeere) existieren keine kontrollierten equinen Wirksamkeitsstudien. Die Anwendung stuetzt sich auf Humanphytotherapie und Traditionsgebrauch. Praktisch relevant ist daher vor allem die Kenntnis der Obergrenze, nicht die Erwartung eines Nutzens.

Vorsicht

  • · Antinutritiv bei hoeherer oder laengerer Aufnahme: Protein-, Aminosaeuren- und Mineralstoffverfuegbarkeit koennen sinken, Futteraufnahme und Schmackhaftigkeit ebenfalls
  • · Eicheln, gruene Eicheln, Eichenlaub und Eichenknospen strikt meiden - dokumentierte Vergiftungsfaelle mit gastrointestinalen und renalen Schaeden beim Pferd; Weiden im Herbst absichern
  • · Bindet Nicht-Haem-Eisen und andere Mineralien - nicht zeitgleich mit Mineralfutter oder Spurenelement-Supplementen geben
  • · Nicht bei Fohlen, Absetzern, tragenden/laktierenden Stuten oder Pferden mit erhoehtem Proteinbedarf einsetzen
  • · Keine Dauergabe - gerbstoffreiche Drogen nur zeitlich begrenzt
  • · Bei anhaltendem Durchfall immer tieraerztliche Abklaerung - Adstringentien ersetzen keine Diagnostik

Quellen

DOI 10.1002/jsfa.2577Mueller-Harvey 2006 - Unravelling the conundrum of tannins in animal nutrition and health, Journal of the Science of Food and Agriculture 86(13):2010-2037
PMID 24917312Smith et al. 2015 - Suspected acorn toxicity in nine horses, Equine Veterinary Journal 47(5):568-572
PMCID PMC5525358Delimont et al. 2017 - Salivary proline-rich protein may reduce tannin-iron chelation: a systematic narrative review, Current Developments in Nutrition, DOI 10.3945/cdn.116.000042

Hinweis zur Verwendung

Diese Inhalte dienen der Information und Bildung. Sie ersetzen keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei Krankheitsanzeichen konsultiere eine Tierärztin oder einen Tierarzt.

Was unter Zwang geschieht, ist nicht edel.
Xenophon · Peri Hippikes (um 365 v. Chr.)

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