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Gesundheit11. Mai 2026 · 7 Min

Mondblindheit — warum die equine rezidivierende Uveitis in Schüben wiederkehrt

Die equine rezidivierende Uveitis ist eine immunvermittelte Entzündung der inneren Augenhaut, die schubweise wiederkehrt — und in Mitteleuropa die häufigste Erblindungsursache des Pferdes. Warum jeder akute Schub ein augenärztlicher Notfall ist und Tigerschecken wie der Knabstrupper ein erhöhtes Risiko tragen.

MB

Dr. med. vet. Marlene Brandt

Tierärztin · Ophthalmologie

Nahaufnahme eines zugekniffenen, tränenden Pferdeauges

Der alte Name Mondblindheit stammt aus der Zeit, als man die wiederkehrenden Entzündungsschübe mit den Mondphasen in Verbindung brachte. Heute kennt das Krankheitsbild seinen treffenderen Namen: equine rezidivierende Uveitis, kurz ERU. Uveitis bedeutet Entzündung der Uvea, der gefäßreichen mittleren Augenhaut aus Regenbogenhaut, Strahlenkörper und Aderhaut. Das entscheidende Wort steckt im Zusatz rezidivierend — die Entzündung kommt in Schüben wieder, und genau diese Wiederkehr richtet über die Jahre den eigentlichen Schaden an.

Ein immunvermitteltes Geschehen

Die ERU gilt als immunvermittelte Erkrankung: Das körpereigene Abwehrsystem richtet sich gegen Strukturen im Inneren des Auges und unterhält dort eine Entzündung, die nach scheinbarer Beruhigung erneut aufflammt. Als Auslöser des ersten Schubs werden unter anderem Infektionen diskutiert, darunter Leptospiren; im weiteren Verlauf läuft das Geschehen jedoch zunehmend als eigenständige, fehlgeleitete Immunreaktion ab, die sich vom ursprünglichen Auslöser abkoppeln kann. Jeder Schub hinterlässt Spuren — Verklebungen, Trübungen, Narben —, und mit jeder Wiederkehr summiert sich der Schaden an den feinen inneren Strukturen des Auges.

Bedeutung · Erblindung
häufigste Ursache
die ERU gilt als häufigste Erblindungsursache des Pferdes · der Schaden entsteht über wiederholte Schübe, nicht in einem einzelnen Ereignis

Leitzeichen — das schmerzhafte Auge

Ein akuter Schub zeigt sich am stark gereizten, schmerzhaften Auge. Typisch sind ausgeprägte Lichtscheu, vermehrter Tränenfluss, ein zusammengekniffenes Lid und ein getrübtes, oft matt oder bläulich wirkendes Auge. Die Pupille ist häufig eng gestellt, das Lid geschwollen, das Pferd wendet sich vom Licht ab. Diese Zeichen sind nicht nur Ausdruck von Schmerz, sondern Hinweis auf eine aktive Entzündung im Augeninneren, die rasch fachliche Hilfe braucht. Zwischen den Schüben kann das Auge täuschend ruhig erscheinen — die Erkrankung schwelt im Hintergrund weiter, und langfristig zeugen Trübungen der Linse, Verklebungen der Regenbogenhaut oder eine veränderte Pupillenform vom zurückliegenden Geschehen.

Ein zugekniffenes, tränendes Pferdeauge ist kein Fall fürs Abwarten. Bei der ERU entscheidet die Zeit bis zur fachlichen Behandlung mit darüber, wie viel Sehkraft das Auge über die Jahre behält.
Aus der ophthalmologischen Sprechstunde

Warum Tigerschecken besonders betroffen sind

Auffällig ist eine Häufung bei Pferden des Leopard-Komplexes — der genetischen Grundlage der Tigerscheckung, wie man sie vom Appaloosa und vom Knabstrupper kennt. Studien zeigen für diese Pferde ein deutlich erhöhtes Risiko, eine ERU zu entwickeln, und zwar besonders die heimtückische, schleichende Verlaufsform, die mit weniger äußeren Schmerzzeichen einhergeht und gerade deshalb spät bemerkt wird. Untersuchungen am Knabstrupper fanden bei einem erheblichen Anteil der Tiere Hinweise auf eine solche Uveitis und ein höheres Risiko bei Trägern zweier Kopien des Leopard-Komplex-Gens. Für Besitzerinnen und Besitzer tigergescheckter Pferde bedeutet das: regelmäßige, aufmerksame Augenkontrolle ist hier besonders wichtig, weil sich die schleichende Form leicht der Beobachtung entzieht.

Notfall-Hinweis: Ein akut schmerzhaftes, lichtscheues, tränendes oder getrübtes Auge ist ein augenärztlicher Notfall und gehört umgehend tierärztlich — möglichst augenfachlich — abgeklärt. Über Diagnose und Behandlung entscheidet ausschließlich die behandelnde Tierärztin oder der Tierarzt. Dieser Artikel erklärt das Krankheitsbild, den Schub-Charakter und das Rasserisiko; er stellt keine Diagnose, gibt keine Therapieanweisung und kein Heilversprechen.

Quellen

PMID:36199161Risk factors for insidious uveitis in the Knabstrupper breed — Vet Ophthalmol 2022 (Leopard-Komplex, LP-Homozygotie)
ACVO / GilgerGilger, Equine Ophthalmology / ACVO — Equine recurrent uveitis (immunvermittelt, Schubcharakter, häufigste Erblindungsursache)
MSD Vet ManualMSD / Merck Veterinary Manual (Equine) — Equine recurrent uveitis (moon blindness)

Hinweis zur Verwendung

Diese Inhalte dienen der Information und Bildung. Sie ersetzen keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei Krankheitsanzeichen konsultiere eine Tierärztin oder einen Tierarzt.

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