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Gesundheit20. Mai 2026 · 7 Min

Selektive Entwurmung — warum die Kotprobe die Kalenderwurmkur ablöst

Anthelminthika verlieren durch Resistenzen ihre Wirkung. Bedarfsgerechtes Entwurmen nach Kotprobe statt nach Kalender bremst die Resistenzentwicklung und schützt die Mittel, die wir noch haben.

EH

Dr. med. vet. Elena Haas

Tierärztin · Sportmedizin

Abgeäppelte Frühjahrskoppel

Jahrzehntelang galt die feste Regel: Alle Pferde eines Bestands werden mehrmals im Jahr nach Kalender entwurmt. Dieses Schema hat einen hohen Preis bezahlt — die Wurmmittel verlieren zunehmend ihre Wirkung. Resistenzen gegen mehrere Wirkstoffklassen sind heute weltweit dokumentiert, und neue Anthelminthika sind nicht in Sicht. Genau hier setzt die selektive Entwurmung an.

Wenige Pferde tragen die meisten Würmer

Die fachliche Grundlage ist eine bemerkenswerte Beobachtung: Die Wurmlast ist im Bestand sehr ungleich verteilt. Ein Großteil der erwachsenen Pferde scheidet nur wenige Eier aus und trägt kaum zur Weidekontamination bei, während eine Minderheit den Hauptteil der Eier verbreitet. In vielen Herden sind 50 bis 75 Prozent der erwachsenen Pferde niedrige Ausscheider. Sie alle pauschal zu behandeln, bringt kaum Nutzen — treibt aber die Resistenz.

Die selektive Entwurmung dreht das Prinzip um: Statt nach Kalender wird nach Bedarf entwurmt. Eine Kotprobe bestimmt die Eizahl pro Gramm Kot (EpG), und nur Pferde oberhalb eines Schwellenwerts werden behandelt. So bleibt ein Teil der Wurmpopulation unbehandelt und damit nicht dem Selektionsdruck ausgesetzt — diese sogenannte Refugia ist der Schlüssel, der die Resistenzentwicklung bremst.

Behandlungsschwelle · Orientierung
~200 EpG
Strongyliden-Eier · niedrige Ausscheider (0–200) bleiben oft unbehandelt · Schwelle tierärztlich festlegen

Wichtig: Der Schwellenwert ist keine starre Zahl, sondern wird tierärztlich und betriebsindividuell festgelegt; verbreitet sind Orientierungswerte zwischen 200 und 500 EpG. Ebenso wichtig ist, was die Kotprobe nicht zeigt: Bandwürmer und die Larvenstadien kleiner Strongyliden werden im einfachen EpG nicht zuverlässig erfasst, und Fohlen sowie Jungpferde folgen eigenen Regeln. Deshalb ersetzt das selektive Schema keine fachliche Begleitung, sondern strukturiert sie.

Wir entwurmen nicht mehr gegen den Kalender, sondern gegen die tatsächliche Belastung. Jede unnötige Behandlung kostet uns ein Stück Wirksamkeit, das wir nicht zurückbekommen.
Aus der internistischen Bestandsbetreuung

Die Resistenz verstehen — und die Mittel schonen

Resistenz entsteht dort, wo Würmer den Wirkstoff überleben und ihre Gene weitergeben. Die wichtigsten Treiber sind bekannt: häufige Gruppenbehandlungen, der wiederholte Einsatz derselben Wirkstoffklasse und Unterdosierung. Jede dieser Praktiken selektiert die widerstandsfähigen Überlebenden heraus. Die selektive Strategie reduziert die Zahl der Behandlungen und erhält eine unbehandelte Refugia — beides verlangsamt die Anpassung der Würmer.

Ob ein eingesetztes Mittel im jeweiligen Bestand überhaupt noch wirkt, lässt sich nur überprüfen, nicht voraussetzen: Eine Kontroll-Kotprobe rund zwei Wochen nach der Behandlung zeigt über die Eizahl-Reduktion, ob der Wirkstoff angeschlagen hat. Dieser Wirksamkeitstest gehört in die tierärztliche Begleitung — die Auswahl und Dosierung eines konkreten Anthelminthikums ohnehin.

Weidehygiene ist die halbe Miete

Der wirksamste Schritt verlangt gar kein Medikament: Werden die Koppeln regelmäßig abgeäppelt — idealerweise ein- bis zweimal pro Woche —, unterbricht das den Infektionskreislauf an der Wurzel, weil die Larven gar nicht erst zur Weide gelangen. Ergänzend wirken Weiderotation, das Mähen und Abräumen sowie das Mit- oder Nachbeweiden durch Wiederkäuer, die die Pferdestrongyliden aufnehmen, ohne selbst Wirt zu sein. Eine durchdachte Weidehygiene senkt den Infektionsdruck oft stärker als jede zusätzliche Wurmkur.

Einordnung: Welcher Wirkstoff, welche Schwelle und welcher Rhythmus für einen konkreten Bestand passen, entscheidet die tierärztliche Bestandsbetreuung auf Basis von Kotproben und regionaler Resistenzlage. Dieser Artikel erklärt das Prinzip — er gibt keine Arzneimittel- oder Dosierungsempfehlung und ersetzt die individuelle Beratung nicht.

Die selektive Entwurmung ist damit kein Sparprogramm, sondern Ressourcenschutz: Sie bewahrt die Wirksamkeit der wenigen verfügbaren Mittel für die Pferde und Situationen, in denen sie wirklich gebraucht werden. Kotprobe statt Kalender, Abäppeln statt Routine — das ist der Kern eines nachhaltigen Parasitenmanagements.

Quellen

ESCCAP Guideline 8ESCCAP — Bekämpfung von Wurminfektionen bei Equiden
AAEP 2024AAEP Internal Parasite Control Guidelines
PMID:38003748Nielsen et al. — Evaluation of Fecal Egg Count Tests for control of equine strongyles

Hinweis zur Verwendung

Diese Inhalte dienen der Information und Bildung. Sie ersetzen keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei Krankheitsanzeichen konsultiere eine Tierärztin oder einen Tierarzt.

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