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Reitkunst20. Juni 2026 · 6 Min

Schwung — die übertragene Schubkraft der Hinterhand

Schwung ist die vierte Stufe der Ausbildungsskala und wird oft mit Tempo verwechselt. Dabei meint er etwas ganz anderes: die über den schwingenden Rücken nach vorn übertragene Schubkraft einer aktiv abfußenden Hinterhand. Nicht Eile, sondern Tragkraft in Bewegung — und nur dort möglich, wo eine Schwebephase existiert.

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Theresa Wolf

Bodenarbeit & Centered Riding

Pferd im schwungvollen Trab mit deutlicher Schwebephase und schwingendem Rücken

Kein Begriff der Ausbildungsskala lädt so sehr zum Missverständnis ein wie der Schwung. Weil schwungvolle Pferde raumgreifend und energisch wirken, liegt der Trugschluss nahe, mehr Tempo bedeute mehr Schwung. Das Gegenteil ist oft der Fall. Schwung ist nicht Eile, nicht Rennen, nicht Davonlaufen. Er ist die Energie der abfußenden Hinterhand, die über einen losgelassenen, schwingenden Rücken aufgenommen und nach vorn durch den ganzen Körper getragen wird — die Impulsion der klassischen Reitlehre.

Der Unterschied ist fühlbar und sichtbar. Ein eiliges Pferd flüchtet vorwärts, läuft auf der Vorhand, verkürzt die Schritte und verliert die Schwebephase. Ein schwungvolles Pferd dagegen verweilt einen Augenblick länger in der Luft, tritt deutlich unter den Schwerpunkt und überträgt jeden Tritt elastisch über den Rücken bis in die Anlehnung. Mehr Schwung bedeutet nicht schneller, sondern ausdrucksvoller bei gleichbleibendem Takt.

Warum erst an vierter Stelle

Schwung steht in der Skala an vierter Stelle, und das mit zwingender Logik. Er setzt voraus, dass die ersten drei Stufen stehen. Ohne Takt gibt es keine gleichmäßige Energie, die sich übertragen ließe. Ohne Losgelassenheit verklemmt sich die Schubkraft im festen Rücken, statt durchzuschwingen. Ohne Anlehnung kann die nach vorn getragene Kraft nirgends ankommen — sie verpufft, statt sich an der Hand zu schließen. Schwung ist deshalb kein eigener Trainingsschritt, den man hinzufügt, sondern das Ergebnis einer Bewegungskette, die von hinten nach vorn endlich frei durchläuft.

Stufe der Skala
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Schwung · nur in Trab und Galopp · FN-Ausbildungsskala

Aus demselben Grund ist Schwung nur in Trab und Galopp möglich, nie im Schritt. Schwung lebt von der Schwebephase — jenem Moment, in dem kein Bein den Boden berührt und die federnde Energie der Bewegung sichtbar wird. Der Schritt hat als Viertakt keine Schwebephase; er kann fleißig, raumgreifend und fließend sein, aber nicht schwungvoll im Sinne der Skala. Wer im Schritt nach Schwung sucht, verfälscht den Takt, indem er das Pferd zum Eilen drängt.

Die Zeichen echten Schwungs

Echter Schwung ist ablesbar. Die Bewegung wird raumgreifend, elastisch und gleichmäßig, mit deutlicher, gut sichtbarer Schwebephase. Der Rücken schwingt sichtbar auf und ab und trägt den Reiter weich mit; das Pferd lädt zum Sitzen ein, statt durchzuschütteln. Die Hinterbeine treten fleißig und energisch unter den Schwerpunkt, und die Energie läuft federnd nach vorn durch — bis in eine ruhige, gleichbleibende Anlehnung. Der Takt bleibt dabei unverändert. Genau hier scheidet sich echter Schwung von Eile: Beschleunigt sich der Takt, fällt das Pferd auf die Vorhand oder verkürzt die Schwebephase, so ist es nicht schwungvoller geworden, sondern schneller — und damit ärmer an Tragkraft.

Die Hinterhand ist der Motor, der Rücken die Brücke, die Hand der Empfänger — Schwung ist nichts anderes als diese eine Kraft, ungebrochen von hinten nach vorn.
Aus der klassischen Reitlehre

Eine verbreitete Verwechslung mit Folgen: Wird Schwung mit Tempo gleichgesetzt und das Pferd schneller getrieben, geht die Losgelassenheit verloren — der Rücken klemmt, die Schwebephase verschwindet, das Pferd eilt auf der Vorhand. Mehr Schwung entsteht nie durch Drängen nach vorn, sondern durch ein energischeres, weiter untertretendes Abfußen der Hinterhand bei ruhig bleibendem Takt. Im Zweifel gilt: lieber langsamer und tragend als schneller und flüchtend.

Hier trifft sich die FN-Skala mit der klassischen Tradition. Steinbrecht verlangt im Gymnasium des Pferdes, das Pferd vorwärts zu reiten und gerade zu richten — vorwärts nicht im Sinne von schnell, sondern im Sinne einer ehrlich aus der Hinterhand tragenden Bewegung. Auf dieser Energie baut alles Weitere auf: Erst die gleichmäßige, beidseitige Geraderichtung erlaubt es, den Schwung an beide Hinterbeine gleich zu verteilen, und erst der so gesammelte Schwung kann sich in der Versammlung vermehrt nach oben statt nach vorn richten. Schwung ist damit die Stufe, auf der sich Schubkraft allmählich in Tragkraft zu verwandeln beginnt.

Wer Schwung am Tempo misst, verliert ihn. Wer ihn aus einem taktreinen, losgelassenen und an die Hand herantretenden Pferd entstehen lässt und der Versuchung widersteht, nach vorn zu drängen, gewinnt eine Bewegung, die das Pferd selbst trägt — ausdrucksvoll, elastisch, und tragfähig genug für alles, was nach ihr kommt.

Quellen

FN 2012Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1 (FN-Verlag)
SteinbrechtDas Gymnasium des Pferdes

Hinweis zur Verwendung

Diese Inhalte dienen der Information und Bildung. Sie ersetzen keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei Krankheitsanzeichen konsultiere eine Tierärztin oder einen Tierarzt.

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