PPID erkennen — was hinter dem Equinen Cushing-Syndrom steht
Verzögerter, lockiger Fellwechsel, Muskelabbau und Hufrehe-Neigung beim älteren Pferd: warum hinter diesen Zeichen eine hormonelle Erkrankung der Hirnanhangdrüse stecken kann und wie der diagnostische Pfad aussieht.
Dr. med. vet. Elena Haas
Tierärztin · Sportmedizin
Die Pituitary Pars Intermedia Dysfunction (PPID), umgangssprachlich Equines Cushing-Syndrom, ist die häufigste hormonelle Erkrankung des älteren Pferdes. Der ältere Name ist dabei etwas irreführend: Anders als beim klassischen Cushing des Menschen liegt die Ursache nicht primär in der Nebenniere, sondern in einem Steuerungsverlust auf Ebene des Gehirns.
Was in der Hirnanhangdrüse passiert
PPID ist eine langsam fortschreitende, degenerative Veränderung dopaminerger Nervenzellen im Hypothalamus. Diese Neurone hemmen normalerweise die Pars intermedia, einen Teil der Hirnanhangdrüse. Gehen sie durch oxidativen Schaden verloren, fällt diese dopaminerge Bremse weg — die Pars intermedia wuchert und produziert übermäßig Hormone, darunter vermehrt Vorstufen, die zu ACTH verarbeitet werden. Wichtig: Das von der Pars intermedia gebildete ACTH ist weitgehend biologisch wenig aktiv, weshalb die Erkrankung korrekt als Funktionsstörung der Pars intermedia und nicht als klassisches Cushing bezeichnet wird.
Aus diesem Mechanismus erklären sich die Leitzeichen. Sie entwickeln sich schleichend über Jahre und werden anfangs leicht dem Alter zugeschrieben — was die frühe Erkennung erschwert.
Die Leitzeichen — und warum das Fell so verräterisch ist
Das auffälligste und spezifischste Zeichen ist die Hypertrichose: ein verzögerter, unvollständiger oder ausbleibender Fellwechsel, oft mit langem, lockigem Fell, das auch im Sommer stehen bleibt. Fachlich ist Hypertrichose der treffendere Begriff als das früher gebräuchliche Hirsutismus, weil die Haarfollikel abnorm lange in der Wachstumsphase verharren. Das Vorliegen einer regionalen oder generalisierten Hypertrichose begründet einen hohen klinischen Verdacht.
Weitere Zeichen sind Muskelabbau, besonders entlang der Oberlinie, ein hängender Bauch, vermehrtes Trinken und Harnen, eine erhöhte Infektanfälligkeit mit schlecht heilenden Wunden — und, klinisch besonders relevant, eine erhöhte Neigung zu Hufrehe. Gerade die endokrinopathische Hufrehe ist häufig der erste Anlass, überhaupt an PPID zu denken; oft besteht parallel eine Insulindysregulation.
“Wenn ein älteres Pferd im Juni noch sein Winterfell trägt, ist das kein Schönheitsfehler. Das ist ein Befund, der abgeklärt gehört.”
Der diagnostische Pfad
Der Verdacht aus Anamnese und Adspektion wird tierärztlich über das Labor untergliedert. Etabliert ist die Bestimmung des basalen ACTH-Spiegels im Blut; bei früher oder unklarer Ausprägung verbessert ein TRH-Stimulationstest die Aussagekraft. Ein wichtiger Fallstrick ist die Saisonalität: ACTH steigt physiologisch im Spätsommer und Herbst an, weshalb die Werte gegen saisonale Referenzbereiche interpretiert werden müssen. Diese Einordnung gehört in tierärztliche Hand — eine sichere Diagnose stellt kein Laienauge anhand des Fells allein.
Zur Behandlung sei nur der Rahmen genannt: PPID ist eine tierärztlich gesteuerte Erkrankung. Der dafür zugelassene Wirkstoff ist ein verschreibungspflichtiges Tierarzneimittel und gehört ausschließlich in tierärztliche Verordnung und Verlaufskontrolle — er wird hier ausdrücklich nicht beworben und nicht dosiert. Ergänzend trägt ein konsequentes Management: bedarfsgerechte, oft NSC-arme Fütterung mit Blick auf die häufig begleitende Insulindysregulation, sorgfältige Fellpflege und Schur sowie engmaschige Hufkontrolle.
Wichtige Einordnung zu Phytotherapeutika: Mönchspfeffer (Vitex agnus-castus) wird in der Cushing-Diskussion immer wieder genannt — die kontrollierte Datenlage spricht jedoch dagegen. In einer Vergleichsstudie senkte der Extrakt die ACTH-Spiegel nicht, und ein Großteil der so behandelten Pferde verschlechterte sich klinisch, bis sie auf die tierärztliche Therapie umgestellt wurden. Mönchspfeffer ist damit kein belegter Ersatz für die tierärztliche Behandlung von PPID.
Wo Wirkstoffe sinnvoll flankieren können, geht es um den allgemeinen Stoffwechsel, nicht um die Erkrankung selbst. Mariendistel wird traditionell zur ernährungsseitigen Begleitung des Leberstoffwechsels eingesetzt — als Ergänzungsfuttermittel, nicht als Eingriff in die Hirnanhangdrüsen-Funktion. Das ändert nichts am Kern: PPID erkennt und behandelt die Tierärztin. Je früher der Verdacht abgeklärt wird, desto besser lassen sich die Folgeerscheinungen, allen voran die Hufrehe, steuern.
Quellen
Wirkstoffe im Artikel
Hinweis zur Verwendung
Diese Inhalte dienen der Information und Bildung. Sie ersetzen keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei Krankheitsanzeichen konsultiere eine Tierärztin oder einen Tierarzt.
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