← Journal
Gesundheit29. Januar 2026 · 8 Min

Kolik vorbeugen — der Hebel liegt in Fütterung und Haltung

Abrupte Rationswechsel, zu wenig Wasser und zu viel Kraftfutter zählen zu den belegten Risikofaktoren. Warum kontinuierliche Raufutterversorgung und langsame Wechsel die wirksamsten Stellschrauben sind.

EH

Dr. med. vet. Elena Haas

Tierärztin · Sportmedizin

Pferd am Heunetz im Offenstall

Kolik ist kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern ein Sammelbegriff für Bauchschmerz unterschiedlichster Ursache. Ein erheblicher Teil der Episoden hat seine Wurzel im Verdauungstrakt — und damit in der Art, wie ein Pferd gefüttert und gehalten wird. Genau das macht die Prävention so wirkungsvoll: Viele der wichtigsten Risikofaktoren sind Managementfaktoren.

Das Pferd ist anatomisch ein Dauerfresser mit einem empfindlichen Dickdarm-Mikrobiom. Dieses Gleichgewicht reagiert sensibel auf jede Störung — und die häufigsten Störungen sind hausgemacht: zu lange Fresspausen, plötzliche Futterumstellungen, knappe Wasseraufnahme und ein Übergewicht an Kraftfutter gegenüber dem Raufutter.

Der abrupte Rationswechsel als Klassiker

Studien zur Kolik-Inzidenz nennen plötzliche Futterwechsel immer wieder als einen der stärksten beeinflussbaren Risikofaktoren — und dazu zählt nicht nur der Wechsel auf ein neues Kraftfutter. Schon ein neuer Heuschnitt, eine andere Heucharge oder das frische Anfüttern von Heu in den vorausgegangenen zwei Wochen erhöhten in Erhebungen das Kolikrisiko. Der Grund liegt im Hindarm: Nach einem schroffen Wechsel von Raufutter auf Kraftfutter verändert sich die mikrobielle Besiedlung drastisch, und es dauert drei bis vier Wochen, bis sich das faserabbauende Gleichgewicht erholt.

Futterumstellung · Orientierung
10–14 Tage
schrittweises Einschleichen neuer Komponenten · auch bei Heuwechsel

Die praktische Konsequenz ist einfach und doch oft missachtet: Jede neue Komponente wird über ein bis zwei Wochen langsam eingeschlichen, alte und neue Ration werden überlappend gemischt. Das gilt für Kraftfutter ebenso wie für den Wechsel von der Winterheu-Charge auf den ersten Schnitt.

Wasser, Raufutter und Bewegung

Eine knappe Wasseraufnahme ist ein eigener Risikofaktor — Wasserentzug erhöht das Kolikrisiko, und in Erhebungen traten bei Pferden an automatischen Selbsttränken mehr Kolikfälle auf als bei Pferden, die aus Eimern getränkt wurden, vermutlich weil die tatsächlich aufgenommene Menge schlechter kontrollierbar ist. Im Winter senkt eiskaltes Wasser die Trinkmenge zusätzlich. Sauberes, frostfreies, jederzeit verfügbares Wasser ist damit kein Komfort, sondern Kolikprävention.

Der zweite tragende Pfeiler ist die kontinuierliche Raufutterversorgung. Lange Fresspausen, ein zu hoher Kraftfutteranteil und ein raufutterarmes Regime verschieben das Verhältnis im Verdauungstrakt ungünstig. Eine raufutterbetonte Ration mit möglichst kurzen Fresspausen hält das Mikrobiom stabil und die Darmmotorik in Gang. Der Wechsel von der Weide in die Box mit reduzierter Bewegung verändert Wasseraufnahme und Darmmotilität messbar — auch das ist ein bekannter Risikomoment.

Die meisten Koliken, die wir sehen, sind keine Schicksalsschläge. Sie sind die Quittung für eine zu schnelle Umstellung oder eine zu lange Fresspause.
Aus der internistischen Bestandsbetreuung

Zwei weitere Faktoren gehören in jede Prävention: ein guter Zahn- und Entwurmungsstatus sowie die Vermeidung von Sandaufnahme. Mangelhaft gekautes Futter und ein hoher Parasitendruck belasten den Darm zusätzlich; auf sandigen, kurz abgefressenen Koppeln kann aufgenommener Sand zur Belastung werden. Beides lässt sich durch regelmäßige Zahnkontrolle, eine bedarfsgerechte Entwurmungsstrategie und die Fütterung vom sauberen Untergrund statt vom Sandboden entschärfen.

Notfall-Hinweis: Eine Kolik ist immer ein tierärztlicher Notfall. Anzeichen wie Scharren, Flankenblick, häufiges Hinlegen und Wälzen, Schwitzen oder fehlender Kotabsatz erfordern sofortiges tierärztliches Handeln — hier zählt jede Stunde. Dieser Artikel beschreibt Prävention über Fütterung und Haltung, er ersetzt weder Diagnose noch Behandlung.

Die ehrliche Bilanz lautet: Kolik lässt sich nie ganz ausschließen, aber das Risiko liegt zu einem großen Teil in der Hand des Stalls. Kontinuierliches Raufutter, jederzeit verfügbares sauberes Wasser, langsame Futterwechsel und regelmäßige Bewegung sind die belastbarsten Hebel — und sie kosten kein Präparat, sondern Aufmerksamkeit.

Quellen

PMID:16881469Hudson et al., Equine Vet J — Feeding practices associated with colic
Tinker et al. 1997A farm-based prospective study of equine colic incidence and risk factors
PMID:25515196Williams et al. — Water intake, faecal output and intestinal motility pasture to stable

Hinweis zur Verwendung

Diese Inhalte dienen der Information und Bildung. Sie ersetzen keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei Krankheitsanzeichen konsultiere eine Tierärztin oder einen Tierarzt.

Weiterlesen