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Reitkunst16. Mai 2026 · 7 Min

Geraderichtung — die natürliche Schiefe und der Weg zur Gleichmäßigkeit

Fast jedes Pferd kommt mit einer angeborenen Händigkeit zur Welt: eine hohle und eine Zwangsseite. Die fünfte Stufe der Ausbildungsskala, die Geraderichtung, beantwortet diese Ungleichheit nicht mit Zwang, sondern mit geduldiger, beidseitiger Gymnastizierung.

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Theresa Wolf

Bodenarbeit & Centered Riding

Pferd auf der Mittellinie, gerade gerichtet im Trab

Wer ein junges Pferd unbefangen beobachtet, sieht es selten wirklich gerade gehen. Auf der einen Hand stellt es sich willig, biegt sich weich, sucht die Anlehnung. Auf der anderen wirkt es steifer, fällt über die äußere Schulter, mag den inneren Schenkel nicht annehmen. Das ist kein Ungehorsam und kein Ausbildungsfehler — es ist die natürliche Schiefe, mit der nahezu jedes Pferd zur Welt kommt.

So wie Menschen Rechts- oder Linkshänder sind, hat auch das Pferd eine bevorzugte Seite. Man spricht von einer hohlen Seite, der das Pferd sich leicht zuwendet, und einer Zwangsseite, auf der es fester und gerader bleibt. Diese Händigkeit prägt von Anfang an, wie das Pferd sein Gewicht verteilt und wie seine Hinterbeine den Boden treffen.

Was aus der Schiefe folgt

Die Schiefe ist mehr als eine Vorliebe für eine Hand. Sie führt dazu, dass die beiden Körperhälften ungleich arbeiten. Das Pferd belastet die Vorhand und die Hinterbeine unterschiedlich stark, und ein Hinterbein tritt weniger weit unter den Schwerpunkt als das andere. Häufig schiebt sich die Hinterhand nach innen oder außen, statt der Spur der Vorderbeine zu folgen.

Spürbar wird das in der Anlehnung. Auf der hohlen Seite nimmt das Pferd den äußeren Zügel kaum an und drängt über die Schulter, auf der Zwangsseite legt es sich eher fest. Eine stete, gleichmäßige Verbindung an beide Zügel — das Ziel jeder Anlehnung — lässt sich gegen die Schiefe nicht herstellen. Die Ungleichheit der Hinterhand setzt sich bis ins Maul fort.

Stufe der Skala
5 von 6
Geraderichtung · Voraussetzung der Versammlung · FN-Ausbildungsskala

Geraderichten heißt: beide Seiten gleich gymnastizieren

Geraderichtung bedeutet nicht, das Pferd starr auf eine Linie zu zwingen. Sie meint, die schwächere und die stärkere Seite über die Zeit einander anzugleichen, sodass beide Hinterbeine gleich weit und gleich tragend unter den Schwerpunkt treten. Gerade ist das Pferd dann, wenn die Hinterbeine in die Spur der gleichseitigen Vorderbeine fußen — auf der geraden Linie wie auf dem gebogenen Hufschlag.

Erreicht wird das durch sorgfältige, seitengleiche Arbeit: durch konsequentes Reiten auf beiden Händen, durch Biegungsarbeit auf Zirkel und gebogenen Linien, und später durch die Lösungs- und Geraderichtungsseitengänge wie Schulterherein und Travers, die die hohle Seite kräftigen und die Zwangsseite geschmeidiger machen. Die klassische Reitlehre versteht das Schulterherein deshalb seit La Guérinière als eine der wichtigsten Lektionen überhaupt.

Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade.
Überliefertes Prinzip der klassischen Reitlehre

Dieses Diktum, das im deutschen Sprachraum eng mit Gustav Steinbrechts Gymnasium des Pferdes und seiner Schule verbunden ist, fasst zwei Gedanken in einem Satz. Das Vorwärts liefert die Schubkraft und den Fleiß, aus dem heraus überhaupt gerichtet werden kann — ein zögerliches Pferd lässt sich nicht gerade machen. Und das Geraderichten ordnet diese Kraft so, dass sie gleichmäßig durch beide Körperhälften fließt. Beides gehört untrennbar zusammen.

Praxis: Geraderichtung ist kein einmaliger Akt und kein Lektionenkapitel, das man abhakt. Sie beginnt am ersten Ausbildungstag mit gleichmäßiger Arbeit auf beiden Händen und zieht sich durch jede Einheit. Wer immer wieder auf der leichteren Hand reitet, weil es sich besser anfühlt, verstärkt die Schiefe, statt sie aufzulösen.

In der Ausbildungsskala steht die Geraderichtung an fünfter Stelle, unmittelbar vor der Versammlung — und das ist kein Zufall. Versammlung verlangt, dass beide Hinterbeine gleich viel Last aufnehmen. Ein schiefes Pferd kann sich nicht ehrlich versammeln, weil ein Hinterbein der Tragarbeit ausweicht. Geraderichtung ist damit die Voraussetzung dafür, dass alles Weitere gleichmäßig und ohne Überlastung einer Seite gelingt.

Quellen

FN 2012Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1 (FN-Verlag)
SteinbrechtDas Gymnasium des Pferdes
La Guériniere 1733École de Cavalerie

Hinweis zur Verwendung

Diese Inhalte dienen der Information und Bildung. Sie ersetzen keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei Krankheitsanzeichen konsultiere eine Tierärztin oder einen Tierarzt.

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