← Journal
Ernährung11. Juni 2026 · 8 Min

EMS und Hufrehe-Prävention — der Hebel liegt in der Ration

Insulindysregulation, Zucker und Stärke der Ration, Weide-Management: warum gerade leichtfuttrige Rassen von einer klaren Fütterungslinie profitieren.

LF

Dr. Lena Fischer

Ernährungsberaterin · NRC / GfE

Robustpony auf abgefressener Koppel

Das Equine Metabolische Syndrom (EMS) bündelt mehrere Risikofaktoren, deren wichtigster die Insulindysregulation ist — und diese ist der zentrale Risikofaktor für die endokrinopathische Hufrehe. Das ECEIM-Konsensuspapier von 2019 stellt klar: Kontrolliert wird EMS in erster Linie über Fütterung und Bewegung. Die Ration ist damit kein Nebenschauplatz, sondern der eigentliche Hebel.

NSC: Zucker und Stärke der Ration

Entscheidend ist der Gehalt an nicht-strukturierten Kohlenhydraten (NSC) — die Summe aus Zucker und Stärke. Sie treiben die Insulinantwort. Für Pferde mit Insulindysregulation wird verbreitet eine Ration mit niedrigem NSC-Anteil angestrebt; in der Praxis dient ein Orientierungswert von unter etwa 10 bis 12 Prozent NSC in der Trockenmasse als Richtschnur. Heu lässt sich durch Analyse einordnen und bei Bedarf wässern, um lösliche Zucker zu reduzieren.

NSC · Orientierung Ration
< 10–12 %
Zucker + Stärke in der Trockenmasse · bei Insulindysregulation

Betroffen sind überproportional leichtfuttrige Robustrassen — Welsh Pony, Shetlandpony und Haflinger etwa kommen aus kargen Herkünften und setzen auf nährstoffreicher Mitteleuropa-Weide leicht Reserven an. Das ist keine Schwäche der Rasse, sondern ein Erbe ihrer Anpassung. Genau deshalb verlangen sie ein engeres Weide- und Rationsmanagement als ein leistungsorientierter Warmblüter im selben Stall.

Weide-Management und Körperkondition

Frisches Weidegras schwankt stark im Zuckergehalt — sonnige, kühle Tage und gestresste, kurz abgefressene Bestände können besonders zuckerreich sein. Begrenzte Weidezeiten, Fressbremsen oder ein abgesteckter Trail sind Werkzeuge, um die Aufnahme zu steuern. Parallel ist die Körperkondition der verlässlichste Alltagsindikator: Ein Body Condition Score im Idealbereich und ein Blick auf regionale Fettdepots, etwa den Mähnenkamm, zeigen Veränderungen früh.

Bei diesen Pferden ist weniger fast immer mehr. Die Kunst ist nicht das Zufüttern, sondern das maßvolle Weglassen.
Aus der Rationsberatung

Wo Wirkstoffe ins Spiel kommen, lohnt Ehrlichkeit. Magnesium taucht in diesem Kontext häufig auf — eine pauschale Wirkung auf die Insulinregulation ist beim ausreichend versorgten Pferd jedoch nicht belegt. Sinnvoll ist Magnesium, wenn eine tatsächliche Unterversorgung vorliegt; als Stoffwechsel-Allheilmittel taugt es nicht. Mariendistel wird traditionell zur Begleitung des Leberstoffwechsels eingesetzt — auch das ist eine ernährungsseitige Flankierung über ein Ergänzungsfuttermittel, kein Eingriff in die Insulindysregulation selbst.

Wichtig zur Einordnung: EMS und Hufrehe sind tierärztliche Diagnosen. Die hier beschriebenen Fütterungsstrategien sind Prävention und Management über die Ration — sie ersetzen weder die Diagnostik (etwa einen oralen Zuckertest) noch die Behandlung eines akuten Rehe-Geschehens. Bei Verdacht auf Hufrehe zählt jede Stunde: sofort tierärztlich abklären lassen.

Die gute Nachricht: Bei kaum einem anderen Thema ist der Fütterungshebel so direkt. Eine NSC-arme, raufutterbetonte Ration, gesteuerter Weidegang und eine Körperkondition im Idealbereich sind die belastbarsten Bausteine der Reheprävention — und sie liegen vollständig in der Hand des Stalls.

Quellen

PMID:30724412Durham et al. 2019, JVIM — ECEIM Consensus Statement on EMS
GfE 2014GfE — Empfehlungen zur Nährstoffversorgung von Pferden
NRC 2007NRC — Nutrient Requirements of Horses (Kohlenhydrate)

Wirkstoffe im Artikel

Hinweis zur Verwendung

Diese Inhalte dienen der Information und Bildung. Sie ersetzen keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei Krankheitsanzeichen konsultiere eine Tierärztin oder einen Tierarzt.

Weiterlesen