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Reitkunst11. April 2026 · 7 Min

Die Ausbildungsskala — warum Losgelassenheit das Tor zu allem ist

Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung, Versammlung: Die sechs Stufen sind kein Lehrplan zum Abarbeiten, sondern ein zusammenhängendes System. Im Zentrum steht eine Stufe, die alles trägt.

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Theresa Wolf

Bodenarbeit & Centered Riding

Pferd am langen Zügel in der Bahn

Die Ausbildungsskala der FN nennt sechs Begriffe: Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung und Versammlung. Wer sie als Treppe liest, die man Stufe um Stufe hinaufsteigt und hinter sich lässt, missversteht sie. Sie ist eher ein Bogen, der sich über die gesamte Ausbildung spannt — und in dem jeder Begriff die anderen mitträgt.

Die ersten drei Stufen bilden die Gewöhnungs- und Entwicklungsphase, die letzten drei die Phase der Tragkraft und Versammlung. Was die ganze Skala zusammenhält, ist die Durchlässigkeit: die Bereitschaft des Pferdes, die Hilfen ohne Widerstand vorwärts und über den Rücken durch den Körper laufen zu lassen. Und das Tor zur Durchlässigkeit ist die Losgelassenheit.

Takt kommt zuerst — Losgelassenheit macht ihn tragfähig

Der Takt, also die gleichmäßige zeitliche und räumliche Gliederung der Bewegung in Schritt, Trab und Galopp, steht am Anfang. Doch ein Takt, der unter Anspannung entsteht, ist hektisch oder verhalten, nie tragfähig. Erst wenn das Pferd innerlich und äußerlich loslässt, wird der Takt rund und gleichmäßig. Deshalb greifen die ersten beiden Stufen ineinander: ohne Losgelassenheit kein verlässlicher Takt.

Was Losgelassenheit wirklich meint

Losgelassenheit ist zweierlei zugleich, psychisch und physisch. Psychisch meint sie ein Pferd, das aufmerksam, aber nicht angespannt ist, das zuhört statt sich zu wehren. Physisch meint sie eine Muskulatur, die anspannen und wieder loslassen kann, statt dauerhaft fest zu sein. Beides bedingt einander: ein innerlich angespanntes Pferd kann den Rücken nicht hergeben, und ein verspannter Rücken hält die Unruhe wach.

Die Zeichen sind ablesbar, wenn man hinsieht. Der Rücken schwingt und nimmt die Bewegung des Reiters auf, statt sie wegzudrücken. Das Pferd kaut ruhig ab und sucht die Anlehnung nach vorwärts-abwärts. Der Schweif pendelt locker im Takt der Bewegung, statt geklemmt oder schlagend zu sein. Die Atmung ist gleichmäßig, oft begleitet von einem hörbaren Abschnauben. Keines dieser Zeichen lässt sich erzwingen — sie stellen sich ein oder eben nicht.

Stufe der Skala
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Losgelassenheit · Fundament der Durchlässigkeit · FN-Ausbildungsskala
Ohne Losgelassenheit ist keine der weiteren Stufen ehrlich zu erreichen — Anlehnung wird zum Festhalten, Schwung zur Eile, Versammlung zur Enge.
Aus der Ausbildungspraxis

Warum alles Weitere daran hängt

Die Anlehnung, die nächste Stufe, ist die stete, weiche Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Sie kann nur entstehen, wenn das Pferd losgelassen an die Hand herantritt — eine Anlehnung gegen ein festes Pferd ist kein Kontakt, sondern eine Stütze. Schwung wiederum ist die übertragene Schubkraft der Hinterhand, die ohne einen schwingenden, losgelassenen Rücken gar nicht erst nach vorn durchkommt. So zieht sich die Losgelassenheit als Bedingung durch jede folgende Stufe bis hinauf zur Versammlung.

Diese Einsicht ist alt. Schon Xenophon hält in seiner Reitlehre Peri Hippikes fest, dass nichts Schönes vom Pferd unter Zwang zu erreichen sei — das Pferd solle willig und mit Anmut gehen. Die klassische französische Schule, von La Guérinière in der École de Cavalerie bis in die spätere Tradition, hat denselben Gedanken in der Forderung nach Leichtigkeit und Zwanglosigkeit weitergetragen. Die FN-Skala formuliert damit kein neues Prinzip, sondern ordnet ein sehr altes.

Praxis: Die Lösungsphase zu Beginn jeder Einheit dient genau diesem einen Ziel. Wer sie verkürzt, um schneller zur Lektion zu kommen, baut auf einem festen Rücken auf — und merkt es oft erst Stufen später, wenn Schwung und Versammlung nicht tragen wollen. Zeit am Anfang ist hier keine verlorene Zeit.

Die Ausbildungsskala belohnt Geduld und bestraft Eile. Losgelassenheit lässt sich nicht erzwingen, nur einladen — und genau darin liegt ihr Wert als Maßstab. Ein losgelassenes Pferd zeigt, dass die Verständigung stimmt. Alles Weitere baut darauf auf.

Quellen

FN 2012Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1 (FN-Verlag)
XenophonPeri Hippikes (Über die Reitkunst), ca. 365 v. Chr.
La Guériniere 1733École de Cavalerie

Hinweis zur Verwendung

Diese Inhalte dienen der Information und Bildung. Sie ersetzen keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei Krankheitsanzeichen konsultiere eine Tierärztin oder einen Tierarzt.

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